Nach 19 Jahren in Arbeitslosigkeit und im Bürgergeld-Bezug hat Frau D. ihr großes Ziel erreicht: raus aus der Arbeitslosigkeit, rein in ihren unbefristeten Wunschjob im öffentlichen Dienst. Im Interview mit ihrem Jobcoach blickt sie auf ihr Jobcoaching bei Ingeus zurück, erzählt, mit welchen Ängsten und Herausforderungen sie konfrontiert war, wie das Jobcoaching sie unterstützt hat und macht anderen Mut, loszugehen.
Jobcoach: Wie fühlt sich das gerade an, in unsere Räume hier bei Ingeus zurückzukommen?
Frau D: Es fühlt sich gut an. Sie haben mir so geholfen und ich habe mich hier gut aufgehoben gefühlt. Man wird begrüßt mit "Nehmen Sie sich einen Kaffee!", da steht ein Wasserspender und alle benötigten Programme sind auf den Rechnern.
Sie waren ja bis Mai 2025 drei Monate bei uns im Jobcoaching und wir beide haben uns zwei Mal in der Woche zum Einzelcoaching getroffen: Was war die Ausgangssituation, mit der Sie ins Coaching kamen?
Ich kannte Ingeus schon von einem früheren Coaching. Damals ging es darum, in welche Richtung ich eine Umschulung machen möchte. Die Umschulung habe ich gemacht. Dann kam Corona, dann war ich drei Jahre krankgeschrieben. Jetzt konnte ich wieder durchstarten und bin mit dem Ziel ins Coaching gekommen, dass mein Lebenslauf überarbeitet wird. Und ich wollte wissen, wie ein Bewerbungsprozess abläuft, samt Bewerbungsgespräch.
Darf ich fragen, was bei Ihnen dazu geführt hat, dass Sie in die Arbeitslosigkeit gekommen sind?
Ich wurde aus meinem Job gemobbt. Das war fies. Von so einem Schlag muss man sich erstmal erholen. Und dann war ich alleinerziehend mit zwei Kindern. Es gab so wenig Jobs, wo ich hätte halbtags arbeiten können. Damals habe ich festgestellt, dass ich gerne im Büro arbeite. Dann kam hinzu, dass ich eine Angehörige gepflegt habe und zudem selbst krank war über drei Jahre. Die Existenzangst, die mir im Nacken saß, darf man nicht vergessen. Ich habe Bürgergeld bekommen, das gerade mal meine Ausgaben gedeckt hat. Da war noch nicht mein Essen mit dabei. Immer mit dem Gedanken: Es darf nichts passieren. Die Waschmaschine darf nicht kaputt gehen.
Wissen Sie, wie schwer es war, das erste Mal Bürgergeld anzunehmen? Und dann die Frage: Wie krieg ich das jetzt alles hin? Sie müssen lernen, anzunehmen. Wenn ich zwei Pfandflaschen auf dem Boden liegen sehe, weiß ich: Das sind 50 Cent - ein Brötchen theoretisch. Wenn mich keiner gesehen hat, habe ich sie mitgenommen. Das werde ich jetzt nicht mehr brauchen und darf es den anderen überlassen.
Woran haben Sie im Coaching gearbeitet?
Wir haben die Bewerbungsunterlagen neu erstellt. Und es ging darum, wie ich so eine Stellenausschreibung richtig lese, um zu wissen, passe ich zu der Stelle. Das ist nämlich gar nicht einfach diese Sprache zu verstehen, wenn man so lange raus ist. Auch mit KI in Berührung zu kommen war sehr, sehr gut. Ich habe das ja vorher nicht wirklich genutzt. Mittlerweile nutze ich das in allen möglichen Bereichen (lacht). Ich recherchiere jetzt insgesamt viel mehr, auch in Vorbereitung auf den neuen Job. Das hat Anstöße gegeben, die nachwirken. Und das kam durch das Coaching, also durch Sie.
Was waren Ihre größten Herausforderungen bei der Jobsuche?
Das Bewerbungsgespräch! Für mich ist ein Bewerbungsgespräch der blanke Horror. Ich kann Ihnen jetzt ganz locker gegenübersitzen, aber im Vorstellungsgespräch ist das ganz anders. Da sitzen dann drei Leute vor mir und schreiben ganz eifrig mit und ich sitze da mit 56 und fühle mich total unsicher. Wenn man ständig im Hinterkopf hat, man könnte etwas Falsches sagen, das verunsichert mich. Ich will ja den Job. Ich versuche, anhand der Körpersprache abzulesen, ob ich gefalle oder nicht. Aber man kann das ja gar nicht so genau erkennen. Das haben wir im Coaching dann ganz intensiv geübt.
Welche Unterstützung war für Sie besonders wertvoll?
Dass Sie mir zugehört haben! Und dass wir das gemacht haben, was ich mir gewünscht habe. Das macht viel aus, wenn man selbst bestimmen darf. Sie haben mich nicht zu irgendwas gezwungen. Das war wichtig. Und das Bewerbungsschreiben. Dass Sie mich dazu gedrängt haben, das selbst zu machen, war auch gut. Selbst agieren können ist wichtig! Und dann auch festzustellen: Es dauerte gar nicht lange und ich konnte allein loslegen. Darauf hat mich das Jobcoaching vorbereitet.
Das freut mich total. Es ist mir nämlich ganz wichtig, dass das Coaching die Selbständigkeit fördert und die Lust und das Vertrauen, allein loszulegen.
Ja, ich habe Sie auch wie geschnitten Brot bei meiner Arbeitsvermittlerin angeboten. (Beide lachen.)
Was ist Ihnen aus dem Coaching bei Ingeus besonders in Erinnerung geblieben?
Das Abschicken der ersten Bewerbung! Das war natürlich aufregend. Heute muss man sich dafür auf diesen Bewerbungsportalen erst registrieren und es gibt tausend Passwörter. Das war etwas Neues für mich: Online-Bewerbung gab es früher nicht. Und dass dann so viele Vorstellungsgespräche zustande kamen. Ich glaube, es waren fünf. Einige habe ich abgelehnt, weil ich schon eine Zusage hatte. Da sieht man, dass es mittlerweile auch im Alter Chancen gibt. Das war ja meine Angst: Ich komme dort an und dann sagen die "Gehen Sie mal lieber in die Frührente!".
Das Thema Alter hat bei Ihnen schon eine Rolle gespielt?
Ja, natürlich! Beim Unterschreiben des Vertrags war ich auch wieder die Älteste von allen, die da waren. Aber gut, damit kann ich leben.
Es ist gar nicht mal so, dass ich mir sage, ich würde hinterherhinken. Ich bin ein Mensch, der immer gerne gelernt hat. Ich habe keine Berührungsängste mit Neuem. Auch nicht mit jüngeren Leuten, die mir was beibringen können. Ich denke auch nicht, dass ich irgendwie großartig scheitern werde. Vielleicht bin ich langsamer. Aber ansonsten glaube ich nicht, dass ich das nicht schaffe.
Blicken Sie jetzt anders auf das Thema Alter?
Ich weiß jetzt, dass ich auf gar keinen Fall mehr Angst haben muss, zu alt zu sein. Auch wenn mich jetzt keiner mehr dazu bekommt, Fallschirm zu springen oder in die Bundeswehr einzutreten. Also es gibt schon Sachen, wo ich sage: Brauche ich nicht mehr. Oder ich möchte auch nicht mehr wie in meinem alten Job schwere Scheinwerfer schleppen.
Mir ist aufgefallen: Das, was mir wichtig ist im Job, sind die Menschen.
Wie ging es Ihnen, als Sie die Zusage zu Ihrem Job erhalten haben?
Das war, als würde man sich frisch verlieben. Ich war im Garten und habe Unkraut gejätet, als der Anruf kam. Ich habe vor Freude geweint! Schon am Telefon. Ich konnte es gar nicht fassen. Da ist ganz viel von mir abgefallen – die Existenzangst auf jeden Fall!
Sie waren die Erste, die ich dann angerufen habe. Sie sind schließlich schuld dran! (Beide lachen.)
Sie arbeiten ab nächster Woche als Fachassistenz in einem Jobcenter. Was begeistert Sie an Ihrem neuen Job?
Tatsächlich, dass ich weiß, wie es sich anfühlt, auf der anderen Seite zu stehen. Durch die Erfahrung, die ich selbst gemacht habe mit der Behörde über so viele Jahre, ist bei mir einiges an Wissen da. Ich weiß z. B. welche Anträge zu stellen sind. Jetzt bin ich die Person auf der anderen Seite des Tresens.
Ich habe wieder Kollegen. Darf ich sagen, dass ich mich auf eine Weihnachtsfeier freue? Wenn man das so lange nicht hatte. Und die Anerkennung – etwas, das einem als pflegende Angehörige komplett fehlt. Dass auch mal wieder jemand sagt "Hey cool! Haben Sie gut gemacht!" Mehr brauche ich ja gar nicht.
Auch die Herausforderung. Wer sind die Leute, mit denen ich arbeite? Wie sind die drauf?
Was verändert sich in Ihrem Leben durch den neuen Job?
Ich finde es schön, dass ich wieder ein Ziel habe und dass wieder Struktur da ist. Ich gehe auf die Arbeit und weiß: Das ist jetzt meine Aufgabe. Das sind meine Zeiten.
Und Sie wissen gar nicht, wie wichtig das ist, für Arbeit auch bezahlt zu werden. Ich bin keine pflegende Angehörige mehr. Ich werde für meine Leistung bezahlt. Und ich spiele wieder mit! Ich bringe einer Freundin gerne mal ein Blümchen mit. Und das war wirklich weggefallen. Weil das Geld dafür nicht da war. Jetzt kann ich einfach wieder am Leben teilnehmen. Das ist etwas, das ich jetzt loslassen kann. Ist das nicht schön? Ich freue mich riesig. Und als Allererstes lasse ich mir eine neue Brille machen.
Was möchten Sie anderen mitgeben, die sich in einer ähnlichen Situation befinden?
Sich trauen! Bitte, bitte sich trauen, um Hilfe zu bitten. Hilfe auch annehmen. Und man ist nie zu alt. Man lernt sein Leben lang.
Ganz vielen Dank Ihnen!